Die Ligurische Grenzkammstrasse Ende Oktober 2002

Eine Fahrt ins Ungewisse?

 Teil 2

zusammengetragen und aufgeschrieben von Felix mit Bildern von Lupus, Micha, Wolfgang und Felix


Dienstag, 29. Oktober

 
 
Die 48 Kehren der Südrampe
Die Südrampe des alten Tende-Passes
Nachdem wir gestern die LGKS befahren haben, steht heute eine weitere Schotterpiste auf unserem Wunschzettel: Die Assietta Kammstrasse. 

Doch zunächst ist Packen angesagt, da wir unser Quartier in Breil-sur-Roya verlassen. Micha hat heute Früh leichte Schwierigkeiten mit Magen und Darm, Montezumas Rache hat ihn erwischt, und sein Frühstück besteht aus zwei Kohletabletten, die ich noch in meiner Reiseapotheke gefunden habe. Hoffentlich können wir ihn so etwas "abdichten", denn falls er unterwegs mal so ganz schnell aus der Hose muss, mit den ganzen Motorradklamotten ... 

Das Packen unserer Sachen und das Beladen der Motorräder klappt jedoch problemlos und so machen wir uns auf gen Norden, Richtung Tende. Dort wollen wir heute noch die 48 Kehren der Südrampe zum Col de Tende mitnehmen, bevor wir hinab in die Poebene fahren.


 
 
 
Kurz vor dem Tunnel de Tende verlassen wir die gut ausgebaute N204 nach links und nehmen die geschotterte Südrampe in Angriff. Das Geläuf ist nicht unbedingt schwierig, jedoch sind die Kehren zum Teil recht eng und ausgewaschen bzw. -gefahren, so dass wir heute mit den voll bepackten Maschinen doch etwas mehr zu tun haben als gestern. 

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Schotter auf der Südrampe
Auf der Südrampe
Die pure Lust
Blick von oben
Die Streckenführung ist schon atemberaubend und es bieten sich tolle Aussichten, besonders, wenn man mal von oben auf die Kehren herabschaut.

 
 
 
Nun heisst es Abschied nehmen von der Ligurischen Grenzkammstrasse. Es war schön, sie bei diesem Superwetter befahren zu können und die Eindrücke, die wir gewonnen haben, werden noch lange in uns haften bleiben. So werden wir sicher noch manch' tristen Herbst- und Wintertag von diesen Erinnerungen zehren. 

Vom Tende-Pass fahren wir nun die wenig spektakuläre Nordrampe hinab und halten uns Richtung Norden. Unser Weg führt uns durch die Poebene westlich an Turin vorbei bis nach Susa. Die Streckenführung dorthin erscheint uns allen recht langweilig, denn es geht über grosse und gut ausgebaute Strassen - eigentlich nicht das, was wir uns wünschen. Aber ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass es kaum Alternativen gibt und so fügen wir uns in unser Schicksal.

Micha nimmt Abschied
Abschied von der Ligurischen Grenzkammstrasse: Es war schön ...

 
 
 
Auf zum Colle delle Finestre
Micha auf der Nordrampe zum Colle delle Finestre
In Susa angekommen, bessert sich unsere Laune, denn die Assietta Kammstrasse liegt vor uns. 

Es handelt sich hierbei um ein ca. 36 km langes, vom Militär gebautes Strässchen, das seinen Anfang an der Südrampe des Colle delle Finestre nimmt und  zum Colle di Sestriere führt. 

Wir biegen kurz vor Susa, aus östlicher Richtung kommend, links ab und fahren über Meana di Susa hinauf zum Colle delle Finestre. Dieses Stück gehört zwar nicht direkt zur Assietta Kammstrasse, erscheint uns aber vielversprechender als die Südrampe des C. d. Finestre.

Oben auf dem Colle delle Finestre (2176m) angekommen, machen wir erst einmal Rast und nutzen den Stopp auch für ein kurzes Fotoshooting. 

Nachdem wir uns ein wenig gestärkt haben, geht es dann weiter - jetzt auf der eigentlichen Assietta-Kammstrasse - Richtung Colle dell' Assietta. 

Nach 2,5 km Fahrt auf guter Piste stossen wir auf den Abzweig zur Südrampe des C. d. Finestre, die von Fenestrelle hinauf führt. Wir halten uns jedoch rechts und fahren in westlicher Richtung weiter zum C. d. Assietta. 

Geschafft!
Am Colle delle Finestre angekommen
Auf, auf, weiter geht's
Was zieht über Schotter, Schlamm und Wackersteine, die R 1150 GS,  fast ganz alleine
Der Weg dorthin führt über eine geschotterte, aber in der Regel gut zu befahrende Piste. Gelegentlich gibt es die eine oder andere Verengung durch Murenabgänge und Auswaschungen durch die starken Regenfälle im Frühjahr und Sommer dieses Jahres. 
Nach 12 km ist es soweit, wir haben den Colle dell' Assietta (2472m) erreicht. In nordwestlicher Richtung ist vor uns der Sommeiller zu erkennen, den wir auch gerne noch bezwungen hätten. Aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit und seiner Höhe von 3350 m ist das jedoch in diesem Jahr nicht mehr möglich, denn es liegt dort bereits Schnee. Gleiches gilt für den Mt. Jafferau, der etwas südwestlich vom Sommeiler liegt. So bleibt auf unserem Wunschzettel doch noch einiges stehen, und das ist auch gut so. Schließlich wollen wir doch nochmal wiederkommen - oder? 

Obwohl die Sonne scheint, ist es hier oben recht kühl, es ist allerdings auch schon spät, wie wir feststellen müssen. Und wir haben noch ein gutes Stück vor uns. Quartier soll auch noch gemacht werden, also geht's bald weiter.

Am Colle dell' Assietta
Colle dell' Assietta
Pures Eis macht ein Weiterfahren unmöglich
Pures Eis macht ein Weiterfahren unmöglich ...
Auf der Weiterfahrt zur Testa dell' Assietta bemerken wir immer öfter, dass in schattigen Lagen der Boden gefroren ist und uns beschleicht so langsam ein ungutes Gefühl, da es rings um uns herum immer mehr Schnee- und Eisreste zu sehen gibt. 

Leider werden unsere Vorahnungen wahr, als wir wenig später die völlig vereiste Piste vor uns liegen sehen. An ein Weiterfahren ist hier nicht zu denken und wir müssen umkehren!

Genauer betrachtet, dürfen wir uns aber überhaupt nicht beschweren, denn mit diesem Problem muss man halt rechnen, wenn man noch Ende Oktober eine solche Tour unternimmt. Darüber sind wir uns einig. 

Wir kehren also um und fahren zurück bis an den Abzweig, der nach Fenestrelle hinab führt. 

Wir treten den geordneten Rückzug an
und wir müssen umdrehen
Sieht doch auch ganz hübsch aus, oder?
Abzweig nach Fenestrelle
Dort angekommen, nehmen wir die Südrampe und fahren talwärts Richtung Fenestrelle. Auch diese Strecke hat ihre Reize, wie wir während des Abstiegs feststellen können. 

 
 
 
Als wir auf der S23 bei Fenestrelle ankommen, biegen wir Richtung Sestriere ab und fahren bis Cesana Torinese, wo wir dann auf die S24 Richtung Oulx stossen. Wir wollen versuchen, einen Campingplatz bei Salbertrand zu finden und hoffen, dort vielleicht auch eine Hütte mieten zu können wie in Breil. Schließlich sind wir jetzt auch schon ein bisschen verwöhnt, Volker sei Dank! 

Es ist inzwischen dunkel geworden und die angezeigte Temperatur bei einer Apotheke liegt  gerade bei 4 Grad. So richtig Lust auf Zelten hat man da nicht mehr unbedingt. Es kommt, wie es kommen muss, auf keinem der von uns angefahrenen  Campingplätze stehen Hütten zur Verfügung. So machen wir uns auf den Weg nach Bardonècchia an der italienisch-französischen Grenze. Wie erhofft, finden wir dort eine kleine Pension mit angeschlossenem Restaurant, wo wir zu einem erschwinglichen Preis unterkommen. Da wir hungrig sind, haben wir natürlich Halbpension genommen, schließlich müssen wir eh' noch was essen.


 
 
 
Der kleine Familienbetrieb ist durch unseren unerwarteten Besuch richtig in Hektik geraten, denn mit Gästen hatte man jetzt noch nicht  gerechnet. 

Die Wintersaison ist schließlich noch nicht eröffnet und so müssen wir noch etwas warten, bis unsere Zimmer hergerichtet sind. Wir können derweil unsere Motorräder im Hinterhof parken und schon mal unsere Sachen hinaufschleppen. 

Die Zeit bis zum Abendessen nutzen wir dann, um uns an der Bar etwas "aufzuwärmen". 

Aufwärmrunde in Bardonècchia
Aufwärmrunde in Bardonècchia

 
 
 
Mittwoch, 30. Oktober

 
Das Frühstück
Lupus beim "Frühstück"
Etwas genervt von den lauten Geräuschen der Heizungspumpe erwachen wir am nächsten Morgen. Wir haben uns am Abend entschieden, wieder etwas weiter Richtung Süden zu fahren. Und was liegt da näher als, na - richtig, die Domaine de Fombeton, wo wir schon eine Nacht auf der Hinfahrt verbracht haben. Es soll dort sehr schöne legale Schotterstrecken geben, und das wollen wir gerne noch ausprobieren. 

Als ich aus dem Fenster unseres Frühstücksraumes schaue, sehe ich Lupus schon sein GPS mit den Streckendaten des heutigen Tages füttern. Wie immer frühmorgens mit einer selbstgedrehten Zigarette (ist gerade in Arbeit) und einer kalten Cola (steht bereits auf dem Sitz).


 
 
 
Von Bardonècchia aus starten wir heute in südwestlicher Richtung, fahren über Briancon weiter auf der N94 entlang der Durance Richtung Gap. 

Bevor wir jedoch die Domaine de Fombeton erreichen, wollen wir noch einen Abstecher zum Col de Parpaillon  (2632) machen. 

Denzel schreibt hierzu:"Ein alpiner Leckerbissen für sportlich eingestellte und geübte Bergfahrer, welche auch auf wechselnde Situationen im Strassenzustand gefasst sind! (...) Die Strecke misst von Embrun (870) bis La Condamine-Chatelard (1310) insgesamt 48 km. Ein Transit mit zirka 3 Std. Zeitaufwand ist jedoch nur unter den günstigsten Voraussetzungen gewährleistet: im 500 m langen Scheiteltunnel, dessen Portale verschliessbar sind, können sich durch Vereisungen Stollen und Stufen bilden, die manchmal auch noch während des Hochsommers anzutreffen sind. Auch bis zu 50 m lange Wasserpfützen mit verschlammten Grund können in der Tunnelröhre auftreten." 
 

Der Ruf des Col de Parpaillon
Rast an der D994 auf dem Weg nach St. André d'Embrun

 
Unser Weg zum Col de Parpaillon
Das hat uns natürlich neugierig gemacht, und so verlassen wir bei St. Clément sur Durance die N94, fahren auf der D994D bis hinter St. André d'Embrun, wo wir dann auf die D39 zum Col de Parpaillon abbiegen. 

Die D39 ist bis La Chalp  knapp zweispurig, darüber hinaus nur noch einspurig. Etwa 5 km hinter La Chalp endet die Asphaltierung und der Strassenbelag geht über in einen gut befestigten Unterbau aus Kalkbruch und Ton. Ein Befahren der übersichtlichen Strecke ist also gut möglich,
 und so treiben wir unsere vollbepackten Boxer voll freudiger Erwartung  dem Gipfel entgegen. Doch je höher wir kommen, umso feuchter wird der Untergrund. Es ist fast wie auf der Assietta. Schliesslich wird die Piste zu einer aufgeweichten, matschigen Fläche von mehreren Zentimeter Dicke, die von einem vereisten Untergrund getragen wird! Anfänglich geraten wir nur leicht ins Schlingern, aber mit zu nehmender Höhe wird das Gefühl im "Popometer" immer unangenehmer. Nur Lupus mit seinem Endurogespann zieht unaufhörlich seine Spur und entschwindet bald auch unseren Blicken. Einzig Volker hält noch ein Weilchen mit, bis auch er hinter einer Kurve verschwindet. Doch bald darauf taucht er wieder auf - allerdings mit beiden Armen winkend und zu Fuss.
 


 
Als ich bald darauf die Kurve erreiche, bietet sich mir ein nicht ganz unerwarteter Anblick: Volker hat seine BMW sauber abgelegt, mit dem Vorderrad im Graben. Das feuchte und sehr anhängige Gemisch aus Ton und Kalkbruch hatte sich um den Vorderreifen gewickelt und sich dann zwischen Reifen und Kotflügel gesetzt, was auf dem gefrorenen Untergrund schliesslich zum Blockieren des Vorderrades führte.Und was dann folgt ist klar, da hilft auch kein Training in Hechlingen. 
 
 

Aber nicht nur Volker hatte mit dem Problem zu kämpfen, auch Micha und ich haben uns abgelegt, nur Wolfgang mit seiner alten Zweiventil-GS hatte dieses kontruktionsbedingte Problem nicht. Er hat halt mehr Luft zwischen Rad und Kotflügel. 

Es hat dann eine Weile gedauert, bis Lupus unser Fehlen bemerkte, er war bis zum Col de Parpaillon gefahren, hatte dort mit einem Ranger gesprochen und erfahren, dass der Scheiteltunnel schon gesperrt sei. 
 

 

Ob sie's übel nimmt?
Da liegt sie nun ...
Shit happens
und hat alles schadlos überstanden!
Der Ausreisser
Lupus kommt zurück ...
Habt ihr keine Lust mehr?
ja, wo bleibt ihr denn?

 
Da steht sie wieder
Da steht sie wieder
Ob die Technik noch funktioniert?
Das ABS hat trotzdem funktioniert
Nachdem nun also zweifelsfrei feststeht, dass wir nicht durch den Tunnel fahren können, müssen wir nur wenige hundert Meter vor dem Col de Parpaillon umdrehen und den geordneten Rückzug antreten.

Somit bleibt auch der Col de Parpaillon mit seinem Tunnel aus dem Jahre 1891 weiter auf unserem Wunschzettel stehen, wie schon die Assietta-Kammstrasse am Tag zuvor.

Saubermann Nr. 1
Komisch, beide mit Helm ...
Saubermann Nr. 2
wollen wohl nicht erkannt werden
Zwei der Teilnehmer - ich werde mich hüten Namen zu nennen - liessen es sich dann doch nicht nehmen, an der nächsten Tankstelle mit Waschplatz zu halten und ihre GSn zu reinigen.

Die überwiegende Mehrheit hat jedoch auf den Waschgang verzichtet und ist so weitergefahren. 

Von einem Fahrer wird sogar berichtet, er habe nach dieser Schlammschlacht um jede Pfütze einen Bogen gemacht, nur um sein Motorrad in diesem Zustand nach Hause zu bringen ...

 

Nach einer etwas ausgiebigeren Rast fahren wir dann weiter Richtung Südwesten, vorbei am Lac der Serre-Poncon, dem flächenmässig grössten Stausee der Alpen, nicht ohne gelegentliche Off-Road-Abstecher, wie Lupus anschaulich unter Beweis stellt.
Oberhalb des Lac de Serre-Poncon
St. Michel im Lac de Serre-Poncon
Eine kleine Schottereinlage
Lupus im Gelände
Hier wohnt das Fussvolk
Gästezimmer im Rohbau ...
Hier residieren die Herrschaften
   und im fertigen Zustand
Am späten Nachmittag erreichen wir unser Quartier, die Domaine de Fombeton. Da wir alle keine grosse Lust verspüren, die Zelte aufzuschlagen, tritt Lupus in Verhandlungen mit der "Geschäftsleitung" und erreicht, dass wir mit unseren Luftmatratzen und Schlafsäcken zwei im Rohbau befindliche, künftige Gästezimmer zu einem Sonderpreis beziehen können.

Volker und Wolfgang setzen sich dennoch vom "gemeinen Volk" ab und leisten sich jeder ein Doppelzimmer mit Dusche und WC! 

 

Da wir uns diesmal in Fombeton telefonisch angemeldet hatten, kamen wir auch in den Genuss, die Kochkünste von Uta bei einem familiären Abendessen zu geniessen. 

Wir haben an diesem Abend noch lange zusammen gesessen und uns nicht nur an dem vortrefflichen Rotwein, sondern auch an den Erlebnissen der vergangenen Tage gelabt. 

Und so ganz "nebenbei" schmiedete Lupus zusammen mit Ortskundigen schon wieder die Pläne für den kommenden Tag, eigentlich den letzten vor unserer, auf 2 Tage angelegten Heimfahrt.

Die Erlebnisse des Tages werden verarbeitet
Abendessen
Ein schöner Platz
Hier kann man's aushalten

 
 
Donnerstag, 31. Oktober

 
Volle Blütenpracht in Sisteron
Ende Oktober in Sisteron
Nach einer kühlen Nacht erwachen die meisten von uns wohl ausgeruht und freuen sich schon auf das uns bereits von der Hinfahrt her bekannte gute Frühstück. Aber auch auf die Strecken, die Lupus für uns "ausbaldowert" hat. 

Bevor es auf die Piste geht, fahren wir allerdings erstmal nach Sisteron zum Tanken und Einkaufen. Es ist wieder mal ein herrlicher Tag mit bestem Wetter und es ist schon toll, am letzten Tag im Oktober die Blumen in Sisteron noch in voller Blüte zu sehen

Ziel der heutigen "Tagesexkursion" wird das Gebiet nordöstlich von Sisteron sein. Ein etwas genauerer Blick auf die Michelin-Karte Nr. 254 lässt erahnen, dass sich dort der eine oder andere Leckebissen für uns versteckt. Zusammen mit den Insiderinformationen die Lupus erhalten hat, dürfte auch dieser Tag ein Hochgenuss werden.

So folgen wir von Sisteron aus der D3, die uns über St. Geniez und Authon zum Col de Font-Belle (1304) führt. Von dort geht es weiter in südlicher Richtung bis Thoard, dem Ausgangspunkt für den Aufstieg zum Col de la Croix (1281).

Herrliche Landschaft
Nördlich von Thoard

 

Einstieg zum Col de la Croix
Auf geht's zum Col de la Croix (1281)
Die Piste hinauf zum Col de la Croix wurde uns als nicht so ganz einfach beschrieben. Besondere Schwierigkeiten bestehen beim Anstieg durch das grobe und lose Geröll. Im weiteren Verlauf führt der Weg durch einen Laubwald, der im Herbst besondere Gefahren birgt: durch das herabgefallene Laub werden die auf dem Weg liegenden etwa handballgrossen Steine komplett verdeckt und man läuft Gefahr, solch ein Hindernis nicht rechtzeitig zu erkennen und zu stürzen, so die Warnung eines erfahrenen Insiders.

Mit der nötigen Vorsicht gehen wir nun also den Col de la Croix an. Der Einstieg in die Piste bei Thoard lässt schon erahnen, was auf uns zu kommt. Die Auffahrt ist dermassen steil, dass wir nach einem kurzen Stopp ohne gegenseitige Hilfe durch Schieben auf dem Geröll nicht wieder anfahren können!

Wie wir bald feststellen müssen, hat es die Strecke wirklich in sich. Der Weg ist über und über mit losem Geröll übersät, so dass volle Konzentration angesagt ist. Jeder hat jetzt mit sich selbst zu tun, es heisst nun locker und entspannt in den Rasten zu stehen und die GSn sich mit dem nötigen Gas durch den losen Untergrund baggern zu lassen. Hier werden die 250 kg erstmals zu einer richtig schweisstreibenden Angelegenheit. An ein Anhalten ist auf dieser Strecke wegen der Steigung und des groben Schotters nicht zu denken und so graben wir uns hinauf bis an die Stelle, wo der Weg in den besagten Laubwald mündet.

Oben angekommen, fehlt Lupus mit seinem Endurogespann. Als wir unsere Motoren abstellen, hören wir ihn weiter unten mit seinem Gespann den Schotter umgraben. Allem Anschein nach hat er sich festgefahren, denn das Geräusch kommt unverändert von der selben Stelle.

So machen sich Volker und Wolfgang auf den Weg, Lupus zu helfen.

Talwärts auf dem Weg zu Lupus
Lupus hat sich anscheinend festgefahren
Puh, erstmal Luft holen und was trinken
Verschnaufen ist angesagt
Wenige Minuten später kommt Lupus mit seinem Gespann ebenfalls oben an. Er hatte sich im groben Geröll eingegraben, aber durch die tatkräftige Schiebehilfe von Volker und Wolfgang hat er es dann doch geschafft. Der Hinterreifen hat bei dieser Aktion allerdings arg gelitten, wie die, durch das Geröll verursachten, tiefen Risse deutlich zeigten.

Bevor wir uns auf die Weiterfahrt durch den Laubwald mit seinen tückischen Felsbrocken machen ist aber erst einmal eine Verschnaufpause angesagt.

Die Fahrt durch das tiefe Laub mit den verdeckten handballgrossen Steinen verläuft für uns wider Erwarten weitestgehend problemlos. Nur Lupus gerät mit dem Rad des Seitenwagens derart auf einen solchen Stein, dass es den Seitenwagen soweit hochkatapultiert, dass er Mühe hat, das Gespann auf dem Weg zu halten und nicht den Abhang hinunter zu stürzen.

So sind wir froh, dann doch alle heil auf dem Col de la Croix angekommen zu sein. Diese "Bergprüfung" liegt auch hinter uns. Für mich persönlich war es die fahrerisch schwierigste Strecke der gesamten Tour überhaupt.

Auf dem Col de la Croix angekommen!
Auch diese "Bergprüfung" liegt hinter uns
Mittagspause im Seitenwagen
Guten Appetit!
Der Abstieg vom Col de la Croix nach La Robine verläuft problemlos, nur stellen wir unten angekommen fest, dass wir Micha, der auf diese "Bergprüfung" verzichtet hat, einen falschen Treffpunkt gennant haben. Ausserdem fällt uns ein, dass er ja kein Handy mehr hat, das liegt irgendwo auf der LGKS. Und eine Strassenkarte hat er auch nicht dabei! Verärgert stellen wir fest, dass wir hier eigentlich alles, was man falsch machen kann, auch falsch gemacht haben! Wir entschliessen uns, südlich von La Robine an der Einmündung zur D900A zu warten. Bei jedem Motorengeräusch, das dem einer R 1150 GS ähnelt, horchen wir hoffnungsvoll auf und sinken wieder enttäuscht zusammen, wenn wieder ein LKW vorbeigebrummt kommt. Aber unser Warten wird belohnt, nach ca. 15 Minuten erscheint Micha und berichtet stolz von seiner neusten Errungenschaft, einer Strassenkarte, die er an einer Tanke gekauft hat, um uns zu finden. Man kann ihn wirklich überall aussetzen, er wird immer zurecht kommen, stellen wir einhellig fest!

So suchen wir uns nun ein schönes Plätzchen für unsere Mittagspause, die wir dann etwas nördlich am Bett des Flüsschens Bès verbringen.

Während Lupus genüsslich in seinem Seitenwagen "hängt" und eine Fischkonserve verzehrt ...

 ... erkundet der islanderfahrene Wolfgang schon mal eine Furt durch den Fluss und beweist gleichzeitig, dass seine Stiefel doch nicht mehr ganz wasserdicht sind.

Da Micha lautstark gegen eine Flussdurchquerung protestiert - der Schlamm vom Col de Parpaillon an seinem Motorrad könnte ja in Mitleidenschaft gezogen werden - beugen wir uns seinem Protest und lassen diesen Plan, der eh' nicht ganz Ernst gemeint war, fallen.
 
 
 
 
 
 
 
 

 

Der islanderfahrene Wolfgang
Wolfgang beim Kneippen, er hat nur vergessen, die Stiefel auszuziehen!
Wieder Asphalt unter den Reifen
Nach Schotter kommt Asphalt
Durch enge Schluchten nordwärts
Durch enge Schluchten
Nachdem wir uns gestärkt haben, fahren wir auf der D900A weiter flussaufwärts, biegen 3 km hinter Barles auf die D7 Richtung Auzet ab und fahren bis Seyne, wo wir auf die D900 stossen.

Wir geniessen den Asphalt unter den Reifen und die phantastischen Ausblicke, die uns diese Landschaft beschert nund fiebern dennoch schon der nächsten Schotterstrecke entgegen. Diese erreichen wir schon bald, nach dem wir von der D900 bei Selonnet auf die D1 und dort nach ca. 3 km wieder links abgebogen sind.

Hier können wir unsere Kühe mal wieder richtig über den Schotter fliegen lassen. Der Untergrund ist fest und die Gesteinssplitter, die den Weg bedecken, sind rauh und kantig, so dass die Reifen guten Grip haben. Das wird von uns natürlich auch weidlich ausgenutzt, dennoch verschliessen wir unsere Blicke nicht vor der wunderschönen Landschaft, die sich unseren Augen darbietet.
Das macht Spass
Wolfgang in seinem Element
Bezaubernder Ausblick
Einfach nur schön
Schrott in freier Natur
Schrott in der Landschaft
Übermut tut immer gut
Übermut tut immer gut
Was wir aber auch erblicken, und das gilt für die ganze Gegend, sind alte Autowracks, die zum Teil künstlerisch arrangiert auf irgendwelchen abseits gelegenen Grundstücken vor sich hin gammeln oder eben in der freien Natur fern ab jeglicher Bebauung vor sich hin rosten, wie Michas Schnappschuss beweist.

Aber das französische "Laissez faire" hat auch seine guten Seiten, so mancher Spass wäre uns sicher sonst nicht vegönnt, wie Lupus gekonnt unter Beweis stellt.

Die von uns benutzte geschotterte Querverbindung endet direkt wieder auf der D1, der wir dann nach einem Einkaufsstopp in Turriers bis 2 km hinter Clamensane folgen, wo wir Richtung Valavoire abbiegen. Bei Valavoire beginnt eine geschotterte Strecke, die durch eine sanfte Hügellandschaft führt, die immer wieder von kleinen Gehölzen aufgelockert wird. Diese scheinen auch die Wildschweine zu mögen, denn wir fahren quer durch ein Jagdgebiet, in dem just an diesem Tag auf sie gejagt wird, wie die überall anzutreffenden Jäger bestätigen. Dennoch werden wir von allen freudig winkend gegrüsst, auch Frauen und Kinder sind dabei - wie anders ist das doch in Deutschland!
Nach getaner Arbeit
Jagd vorbei ...
Wieder geht ein Tag zu Ende
auch für uns.

 
Noch irgendwelche Fragen?
Ihr fragt noch, wie dieser Tag war?
Auch für uns heisst es nun "Jagd vorbei", es ist Zeit, den Rückweg nach Fombeton anzutreten, wo bald schon das Abendessen auf uns wartet. 

In der Nähe von Authon treffen wir wieder auf die D3, wo wir heute Morgen schon vorbei gekommen sind. Hier schliesst sich also der Kreis für den heutigen Tag. Wir sind ganz sicher, dass es in dieser Gegend noch viel mehr reiz- und anspruchsvolle Strecken gibt, die nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden.

In Fombeton angekommen, sitzen wir noch lange zusammen und lassen den Tag bei Lammkoteletts vom Grill und einem guten Gläschen "Roten" noch einmal Revue passieren, bevor wir rechtschaffen müde auf unsere mehr oder weniger komfortablen Lager sinken.


 
Freitag, 1. November

 
Heute heisst es Abschied nehmen von der Domaine de Fombeton. Unser spätherbstlicher Motorradausflug geht nun dem Ende zu. Während Lupus, Micha, Wolfgang und ich noch eine Übernachtung in Pontarlier eingeplant haben, will Volker in einem Rutsch nach Hause fahren, frei nach dem Motto: "Und ewig lockt das Weib". ;-)

Als wir Fombeton verlassen, ist Volker schon unterwegs. Leider geht es Micha heute nicht so gut, er hat Schüttelfrost und fühlt sich hundeelend, irgendetwas steckt ihm in den Knochen, wie er sagt. Wir ändern daher unsere geplante Fahrtroute, um so schnell wie möglich nach Pontarlier zu kommen - immer darauf bedacht, Micha nicht zu überfordern und notfalls auch schon früher woanders Quartier zu machen.

Um es vorwegzunehmen, Micha hat tapfer durchgehalten, wenngleich es wohl bis an die Grenze seiner Belastbarkeit ging. In der Jugendherberge angekommen, bestellen wir sofort einen Arzt, die sich dann als Ärztin entpuppt und die Micha mit Antibiotika behandelt und auch mit Tabletten für die nächsten Tage versorgt. Als ich Micha dann noch eine Tasse Tee organisiere, schläft er bis zum nächsten Morgen durch und fühlt sich danach auch deutlich besser.

Unsere Feldküche
Da die Jugendherberge noch geschlossen hat, kochen wir draussen

 
Samstag, 2. November
Wieder zu Hause
Zurück bei Micha und Wolfgang
Wie wir schon in der Nacht gehört haben, regnet es seit einigen Stunden hier in Pontarlier. So beladen wir im Laufschritt unsere Motorräder und nehmen dann noch schnell das spartanische Frühstück in der Juhe ein. Heute morgen scheint dort auch alles schiefzugehen, der Bäcker liefert die Baguettes verspätet und schliesslich gibt auch noch die Kaffeemaschine ihren Geist auf. Aber bei dem bescheidenen Frühstück kann uns das auch nicht mehr erschüttern.

So machen wir uns - wasserdicht verpackt - bald auf unsere letzte Etappe, den Heimweg nach Heilbronn bzw. Potzbach. Wegen des Wetters wählen wir den schnellsten Weg und das bedeutet Schnellstrassen bzw. Autobahnen. Micha ist soweit wieder hergestellt, dass er die heutige Schlussrunde auch zu überstehen glaubt.

Gegen 16 Uhr treffen wir nach ca. 440 km Regenfahrt wohlbehalten bei Micha ein. Hier endet für Micha und Wolfgang die Fahrt, wohingegen ich nach einer Übernachtung dann am Sonntag noch gut 400 km bis nach Hause zu fahren habe. 
 


 
Ende Oktober noch in die französischen Seealpen und die Ligurische Grenzkammstrasse (LGKS) fahren? Diese Frage kann ich jetzt nach dieser überaus gelungenen Motorradreise eindeutig bejahen. Alles hat zusammen gepasst. DasWetter war bombastisch, die ausgewählten Strecken atemberaubend schön und was bei einem Unternehmen dieser Art ganz wichtig ist: wir haben alle gut zueinander gepasst!

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